Das Apple iPad im Praxistest – Freiheit, Enttäuschung & ein Ausblick für Fachverlage

Jetzt darf ich es endlich mal in Händen halten. Die Wunderflunder. Der digitale Heilsbringer. Der Apfel der Versuchung vom kalifornischen Baum der Erkenntnis. Was ist nicht alles über die Hochglanz polierte Schiefertafel geschrieben worden: Begeisterung und Schmähungen gehen Hand in Hand. Das sollte also ein denkwürdiger Augenblick werden, wenn ich das Apple iPad aus der Packungen nehme.

Das iPad im Praxistest

Aber: das größte Wunder ist, dass es mich verwundert hat, dass es nicht so wundervoll ist. Ich meine nicht, dass Engelschöre erschallen oder so. Nein es liegt nicht so geschmeidig in der Hand, wie ich es mir gedacht/erhofft/gewünscht habe. Die Aluminium-Rückseite könnte besser entgratet sein. Das Gewicht ist zu “kopflastig” verteilt. Schade. Denn der kleine Bruder iPhone (das enge Verwandtschaftsverhältnis ist nicht zu leugnen) ist ein Handschmeichler. Man will es nicht mehr hergeben. Beim iPad wird einem schnell der Arm lahm. Verkrampfte Haltung in Rücken und Hand lassen sich nur vermeiden, wenn das schöne Teil auf dem Tisch liegt.

Freiheit
Die Bedienung hingegen ist wirklich wunderbar. Die Finger-Wisch- und -Spreiz-Technik ist unerreicht. Intuitiv und bedienerfreundlich. Wer schon ein Apfelephone hat, fühlt sich sofort daheim. Ungebundenes Internetsurfen macht unglaublichen Spaß und ist meiner Meinung nach der größte Vorteil des Pads. Das zeigt sich in der Bedinung der sozialen Netze: Twitter, Facebook können so zeitnah und komfortabel bedient werden, dass einem fast schwindelig wird, toll. Obwohl mein Test-Tablett kein UMTS hatte und sich nur über W-LAN connecten konnte, ist die Richtung klar.

Apropos Connect: Als Produktionsleiter für Webinare wollte ich zuerst die Adobe Connect Mobile App für für VBM-Live-Webcasts und -Webinare im Store laden. Aber was soll das? Die App gibt es bis jetzt nur für iPhone? Die funktioniert zwar gut, aber da sollte schnell eine iPad-Version her! Die Vorteile des iPads zur Webinar-Teilnahme liegen sprichwörtlich auf der Hand.

Enttäuschung
Also mal schauen, für was die Verleger jeden Tag Steve Jobs danken sollen. Die vorinstallierte “Welt”-App aufgemacht und… Nun ja, die digitale Version sieht der Print-Version sehr ähnlich, ist gewohnt leicht zu bedienen, es macht Spaß zu klicken, man kann Videos gucken und das wars. Irgendwie erscheint mir eine solche Umsetzung nicht als der Weisheit letzter Schluss, um ein neues Geschäftsmodell aufzusetzen, geschweige denn eine neue digitaler Revolution auszurufen.

Die Vorteile des iPads werden nicht konsequent genutzt. Zeitungen und Zeitschriften mit tagesaktuellen Themen können Fehlen an interessanter Interaktivität durch den ständigen Nachrichtenfluss kompensieren. Jedoch brauche ich dafür keine Zeitungsapp; Twitter versorgt mich mit genug Nachrichtenthemen und Links zu relevanten Pages. Aber eine monatliche Zeitschrift mit eher langfristig interessanten Artikeln und Themen wird sich wohl schwer tun, den Newshunger zu stillen. Ein eher “altbackenes” Layout wie bei der “Welt” wird nicht funktionieren.

Ausblick
Wie schaut das jetzt mit einem Einsatz für Fachverlage aus? Ich denke nicht, dass eine inhaltliche Eins-zu-Eins-Umsetzung der entspechenden Titel zielführend wäre. Aber wie wäre es mit einer Konzentration auf Spezialthemen und -apps?

  1. Ich könnte mir gut spezielle Messe-Apps vorstellen mit einem Aussteller- und eventuell Produktverzeichnis. Natürlich angereichert mit einem Newsfeed der Dailys. Verkaufen könnte man evtl. Logo- und Linkeinbindung. Etliche Video-Converter bieten darüber hinaus die Codierung der Filme für Mobiles. Wäre interessant die ELEKTRONIKPRAXIS-App zur embedded world 2011 zu haben. Eine Spielerei aber nützlich könnte auch eine Messe-Navigation mittels GPS sein. Und ein Terminplan zu Vorträgen, Panel-Diskussionen etc.  sollte sich auch umsetzen lassen.
  2. Alle Arten von Datenbanken, die gepflegt und befüllt werden, könnten ihren Weg auf das Pad finden. Bei Vogel Business Media fällt mir zuerst die MM-Börse ein. Und was ist mit dem Großanlagenbau? Eine GROAB-App (Kurzform: GROapp) könnte (kostenpflichtig) Informationen liefern wer, was, wo baut und plant. Eine Verbindung zu Google-Earth bzw. -Maps kann auch noch den Überblick zum Baugelände liefern. Und weiter gedacht: Warum nicht interaktive Periodensystem der Elemente powered by PROCESS, Bauteilebibliotheken powered by Konstruktionspraxis und Leiterplattendesign-Games powered by ELEKTRONIKPRAXIS?
  3. Der Markenfilter von kfz-betrieb.de wäre ebenfalls ein geeigneter Aufhänger für die kb-App. Professionell vorsortiert bekommt der User die markenrelevanten Information auf sein iPad gespielt.

Danke!
So, warum sollten wir jetzt Apple danken? Ich denke wir sollten danken, weil wir Druck verspüren, unser Verhalten im liebgewonnenen Internet mit all seinen Webseiten zu hinterfragen und die neu erlangte Freiheit (vom Inter- wird das Outernet) auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Eine akkurate Portierung der Inhalte von einer Website zu einem App wird keine neue Leser- und damit Kundschaft generieren. Das hat auch damals nicht funktioniert, als man PDFs alter und neuer Ausgaben zum Download hinterlegte.

Auf jeden Fall herzlich danken muss ich Vogel Business Media, die mir für eine kurze Zeit ein Test-Pad zur Verfügung gestellt haben, damit ich mir einen Reim auf den Hype machen konnte. Es hat mir zwei Dinge klar gemacht:

  1. Jedes Werkzeug (und das ist das iPad im Kern) ist nur so gut, wie es der Benutzer einsetzt: Eine Säge ist toll, um Brennholz klein zu machen oder einen Baum zu fällen. Aber was ist, wenn man einen Pullover stricken muss…
  2. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. (so alt, so wahr)

Let the discussion begin!

Weiterführende Links:

  • media-TREFF goes Mobile – Webinare für unterwegs Artikel lesen
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  • Umfrage zum Thema Bewegtbild im B2B – Webcasts und Webinare weiter auf dem Vormarsch Artikel lesen

8 Gedanken zu “Das Apple iPad im Praxistest – Freiheit, Enttäuschung & ein Ausblick für Fachverlage

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