Unerkannt im Netz – sicher kommunizieren und recherchieren im Internet

buchunerkanntimnetzVor ein paar Jahren hatte ich Gelegenheit, an einem prominent besetzten Schnellschach-Turnier teilzunehmen. In der dritten oder vierten Runde wurde ich gegen August Hanning gelost.

Hanning war damals Präsident des Bundesnachrichtendienstes BND. Ich stellte mich vor und wies darauf hin, dass ich als Journalist ja jetzt aufpassen müsse, dass ich nicht von seinem Dienst überwacht werde. Hanning schmunzelte und sagte:

“Keine Sorge, Herr Zabel. Wir sind doch ein Auslandsnachrichtendienst.” Dies beruhigte mich ebenso wie seine Aussage, er sei ein relativ schwacher Spieler. Hanning spielte extrem stark auf, erlangte im Mittelspiel Vorteil und gewann die Partei. Ein paar Jahre später stellte sich heraus, dass der BND doch Journalisten bespitzelt hat . Ob Hanning von den Geschehnissen vor seiner Amtstzeit wusste, ist bis heute allerdings ungeklärt. Dafür gerieten in den letzten Monaten verstärkt private Unternehmen in die Schlagzeilen, die Mitarbeiter oder Journalisten ausgehorcht haben. Vermutlich sind die beiden prominenten Fälle Bahn und Telekom nur die Spitze des Eisbergs.

Der Online-Experte Peter Berger hat zu diesem Thema ein Buch geschrieben:  “Unerkannt im Netz – sicher kommunizieren und recherchieren im Internet”. Das Werk richtet sich in erster Linie an Journalisten, deren sichere Arbeit in den letzten Jahren nicht einfacher geworden ist. Aber auch anderen Berufsgruppen wie Juristen und Ärzten wird eine vertrauliche Kommunikation via Internet und Telefon durch staatliche und private Kontrolle zunehmend erschwert. Berger zeigt in seinem Buch, dass „es möglich ist, diese Kontrollen zu umgehen – legal und ohne großen technischen Aufwand. Er verrät, welche Techniken möglich sind, und zeigt Schritt für Schritt den Umgang mit Programmen, die die Kommunikation anonymisieren. von der E-Mail über den Chat bis zur Internet-Telefonie.“ (Liest sich wie ein Klappentext, ist auch einer) Dabei räumt der Autor durchaus ein, dass das Buch auch eine Kehrseite habe: “Die Ratschläge könnten von zwielichtigen Personen genutzt werden. Von Straftätern, die anonym kommunizieren wollen. Die Realtiät ist: Sie tun es bereits.” Aber bereits vor Erscheinen des Buches.

Wichtiges Thema für den Mittelstand
Berger hat seine Ausführungen auf Journalisten, Juristen und Ärzte optimiert; dem Klischee nach alles Leute, die von IT wenig bis gar keine Ahnung haben. Insofern ist es flüssig und leicht verständlich geschrieben, muss naturgemäß aber auch ein wenig an der Oberfläche bleiben. Für weiterführende Tipps bietet Berger zahlreiche Links, die eine vertiefende Recherche im Internet erlauben. Aber auch für Inhaber und Manager kleiner und mittelständischer Unternehmen erfüllt das Buch einen Zweck. Es sensibilisiert für den Umgang mit Daten, Korrespondenzen und Geschäftsgeheimnissen. Schließlich verursacht die Wirtschaftsspionage in Deutschland nach Angaben des Innenministeriums jährlich schätzungsweise einen Schaden von 20 Milliarden Euro. August Hanning, zwischenzeitlich als Staatssekretär im Innenministerium (sic!) wird dazu in der BZ am Sonntag zitiert: „Besonders aktiv in der Wirtschaftsspionage sind bei uns derzeit Länder aus dem asiatischen Raum“. Mit dem Mittel der Wirtschaftsspionage ersparten sich die Konkurrenten eigene Forschungs- und Entwicklungskosten und könnten ihre Waren deshalb zu Dumpingpreisen anbieten. Sicherlich existieren im Netz vielfältige Webseiten, die Tipps zum Verschlüsseln und sicheren Datentransfer geben. Ob sie so leicht verständlich sind, wie die Ausführungen Bergers muss jeder selbst entscheiden.

Fazit: „Unerkannt im Netz“ wendet sich in erster Linie an den beschriebenen Personenkreis, eignet sich als Lektüre aber für jeden, der das Thema Datensicherheit ernst nimmt. Die entsprechenden Kapitel des Buches verdichtet Berger zu einer „Top Ten für diskretes Kommunizieren“, zehn Gebote als Überschrift erschienen dem Lektorat wohl zu pathetisch:

  1. Nutzen Sie für sensible Surftouren Ihren privaten Rechner. Bei fremden Geräten, auch am Arbeitsplatz, könnte Spionagesoftware installiert sein.
  2. Legen Sie für wichtige Dokumente einen oder mehrere verschlüsselt Container an – zum Beispiel TrueCrypt
  3. Fegen Sie regelmäßig verräterische Datenspuren von der Festplatte, zum Beispiel mit BCWipe oder Eraser.
  4. Transportieren Sie sensible Daten verschlüsselt auf einem USB-Stick
  5. Surfen Sie unerkannt mit Tor oder JonDonym.
  6. Plaudern Sie abhörsicher per Chat (mit Pidgin und OTR) oder per Internettelefonat (mit Gizmo und Zfone)
  7. Tauschen Sie diskret Dokumente über ein gemeinsames Mailfach, das mit einem Anonymisierer angesteuert wird.
  8. Sie wollen abhörsicher und anonym kommunizieren? Zum Beispiel mit einen versteckten Datenspeicher im Tor-Netzwerk, der mit verschlüsselten Inhalten gefüllt wird.
  9. Telefonieren Sie anonym mit einem simlockfreien Handy und einer nicht registrierten Prepaidkarte
  10. Entfernen Sie verräterische Daten aus Dokumenten oder Bildern, die sie verschicken wollen.”

Bleibt mir nur noch, Bergers Liste einen Punkt 11 anzufügen:

  • Seien Sie ein Sportsmann und wünschen Wolfgang Schäuble und seinen Jungs trotzdem viel Glück!

Wertung:

B2B-Affinität: +++
Info-Wert: ++++
Neuigkeitswert: ++++
Praxisbezug: +++++
Gliederung: +++++
Verständlichkeit: ++++

Lesefreude: ++++

Peter Berger
Unerkannt im Netz:
Sicher kommunizieren und recherchieren im Internet

1. Auflage
2008, 294 Seiten, br., Abb.: 100 fb.
ISBN 978-3-86764-087-9
EUR 29,90 / CHF 49,90
(Praktischer Journalismus, Band 83)
-> das Buch bei Amazon

6 Gedanken zu “Unerkannt im Netz – sicher kommunizieren und recherchieren im Internet

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  4. Danke für den Hinweis; habe die von Schmitt verlinkten Beiträge noch einmal geprüft. Tatsächlich war es die zweite Runde (siehe Tabelle). Interessanter ist allerdings folgendes: Es waren keine Jahre, die da ins Land gezogen sind.

    Hochgekocht wurde das Thema im Mai 2006. Die Überwachung von Journalisten durch den BND wurde offiziell erstmals am 10. November 2005 durch Dr. Hanning in einer Pressekonferenz bestätigt. Das Schachspiel, vor dem er seine Aussage mir gegenüber machte, fand am 29. Oktober 2005 (sic!) statt.

    Oh, ich muss jetzt Schluss machen – hab’ ‘nen Schatten am Fenster gesehen.

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