„Spieglein, Spieglein an der Wand“ ist fürs Märchen. Heute hält Google einem den Spiegel vor, wenn es um die eigene Außenwirkung geht. Umso wichtiger erscheint es, immer einen frisierten Eindruck zu machen. Online-Experten wie Klaus Eck (PR-Blogger) oder Jochen Mai (Wirtschaftswoche) warten mit guten Tipps auf, damit es auch mit dem Image im Netz klappt. Und für das Image im Netz gibt es gute Gründe: „Ob wir wollen oder nicht, wir bewegen uns mittlerweile genauso selbstverständlich in der virtuellen Welt wie im richtigen Leben. Besonders für die Jüngeren gehört das Web selbstverständlich dazu, aber auch immer mehr Silver Surfer entdecken das Web als sozialen Raum für sich“, schreibt Klaus Eck in einem Beitrag über digitale Identität.
Das Bild des sozialen Raumes ist treffend, nicht umsonst wird das World Wide Web auch als globales Dorf bezeichnet, die Blogosphäre als Kleinbloggersdorf. Die Kommunikationsstrukturen ähneln denen einer Dorfgemeinschaft: Gerüchte verbreiten sich in Windeseile, wer gegen den Mainstream des Dorfes verstößt, wird ausgegrenzt. Wer in früheren Zeiten solchermaßen zum Außenseiter wurde, hatte eine Alternative: entweder er besaß ein dickes Fell oder ein Ticket in die Großstadt – ohne Rückfahrt.
Im digitalen Dorf können keine Tickets in die Großstadt gelöst werden. Wer in der Parallelwelt im Netz schlecht beleumundet ist, hat ein Problem: Eine zweite Parallelwelt gibt es nicht. „Bitte recht freundlich!“, lautet folglich die Devise, denn, so schreibt Mai in seinem Blog Jo’s Jobwelt: „Wir leben im Zeitalter der Inszenierung und der medialen Selbstdarstellung. Unsere öffentliche Reputation ist ein entscheidender Teil unserer Persönlichkeit, kurz: Ich bin, wer ich in den Augen der anderen bin.“
Technische Tipps wie die eigene Präsenz im Netz durch maxmustermann.de, ein Profil in Xing, Facebook oder Linkedin und kontinuierliches Monitoring durch Ego-Googeln sind dabei eigentlich nur die Kür. Das, was in einer für viele in ferner Vergangenheit liegenden Zeit als „ordentlicher Lebenswandel“ bezeichnet wurde, wird zur Pflicht. Die Hausmeistergemahlin Else Kling in der Lindenstraße lugte regelmäßig aus der Wohnungstür, um zu überprüfen, ob sich die ein- und ausgehenden Hausbewohner auch anständig verhielten – das war in einer Zeit, als die „born digitals“ noch nicht auf der Welt waren und mobiles Telefonieren James Bond vorbehalten war. Heute ist Else Kling überall – zumindest wenn man die Prognosen der Experten für digitale Reputation als Negativszenario weiterentwickelt. Jeder Schritt im Netz würde dann durch die digitale Schere im Kopf begleitet: Ist dies Urlaubsfoto noch Community-konform? Antworte ich auf einen Foreneintrag mit meiner ehrlichen Meinung oder halte ich lieber die Klappe? Verstoße ich mit dem Hinweis auf das Hobby Motorboot-Fahren gegen das übergeordnete Ziel des Klimaschutzes?
Positiv weiterentwickelt könnte es aber auch zu einer abermaligen Renaissance eines Zeitgenossen der Aufklärung führen, der gerne zitiert wird, den aber kaum jemand gelesen hat: Adolph Freiherr von Knigge. In seiner Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ ging es weniger darum, wie man Messer und Gabel hält, sondern um Taktgefühl und Höflichkeit anderen gegenüber. Kurzum: Wer sich in der realen Welt einen ordentlichen Ruf erworben hat, dürfte es leicht weniger schwer haben, diesen auch auf die virtuelle Welt zu übertragen.
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und da ist sie wieder – die Natur. Die menschliche Natur. Auch in dieser zweiten (?), virtuellen Welt gibt es Gut und Böse. Gibt es Klatsch und Tratsch. Gibt es Leute, die eine gute Kinderstube hatten und jene, die glauben cool sein zu müssen. Cool im Sinne von “anders” zu sein. Auffallen um jeden (!) Preis. Aber das kennen wir aus der Sozialforschung der realen Welt.
Ergo: Der Mensch hatte durch die Optionen der digitalen Welt die chance noch mal neu anzufangen. Dinge, die in der ersten Welt nicht so gut gelaufen sind in der neuen Welt zu korrigieren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es werden bekannte Verhaltensmuster nicht nur übernommen, sondern durch die technologischen Möglichkeiten sogar potenziert.
Das ist bedauerlich, aber nicht mehr reversible. Nur führt es auch dazu, dass sich eben genau aus diesem Grunde grundsätzlich interessierte Zielgruppen weiterhin den breiten Netzwerken im Internet und ihren Kommunikationsmöglichkeiten zurückhalten werden. Und dieses Problem kennen wir auch aus der realen Welt – exclusiv ist wer exclusiv ist.
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